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Jihadismus. Salafismus. Terrorismus.

inamo Heft 82, Sommer 2015, 21. Jahrgang

inamo Heft 82, Sommer 2015: Jihadismus, Salafismus, Terrorismus

Im Jahre fünf nach den arabischen Revolten sieht die arabische Welt erschreckend aus.

Werner Ruf

Prof. em. für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik

[..] bei der Terrorismusbekämpfung haben die Menschenrechte und das Völkerrecht keinen Bestand innerhalb deutscher Realpolitik.
Axel Goldau

Vorstandsmitglied von Western Sahara Ressource Watch (WSRW)

Unsere Autoren in dieser Ausgabe

«Jihadismus, Salafismus, Terrorismus»

Matin Baraki, Roman Deckert, Rowan El Shim´i, Lev Grinberg, Bassam Haddad, Marcel Jökale, Julia Joerin, Michael Köhler, Manfred Kriener, Judit Kuschnitzki, Roman Loimeier, Imad Mustafa, Irit Neidhardt, Sascha Radl, Werner Ruf, Jeremy Scahill, Jörg Tiedjen, Jens Wagner, Ludwig Watzal

«Jihadismus, Salafismus, Terrorismus»

Die Beiträge im Schwerpunkt von Heft 82

Imad Mustafa: Salafismus als Jugendsubkultur? Suche nach Sinn und Identität

Schaut man heute in die Auslagen der Buchhändler, dann wird man mit einer wahren Flut von Publikationen, Berichten und Titelstories zum Salafismus, Jihadismus oder dem sogenannten Islamischen Staat (IS) konfrontiert. Verlage, Zeitungen, Think Tanks und Universitäten scheinen sich in der Anzahl der Veröffentlichungen geradezu übertrumpfen zu wollen, so als ginge es hier um einen Wettbewerb. Neben der publizistischen Kooperation von Sicherheitsbehörden und Wissenschaft, steht die neuere These vom Salafismus als „radikaler Jugendsubkultur“ im Mittelpunkt dieser Entwicklung.

Roman Loimeier: Soziale Basis von Boko Haram, al-Shabab und Nordmali im Vergleich

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich in einigen Regionen des subsaharischen Afrika lokale jihad-Bewegungen entwickelt, die in der öffentlichen Berichterstattung häufig als Teil einer terroristischen Internationale gesehen werden. Aus der Außenperspektive könnte man zudem vermuten, dass die Entwicklung jihad-gesinnter Bewegungen im subsaharischen Afrika mit den Anschlägen vom 11. September 2001 verbunden ist. Die genauere Analyse zeigt jedoch, dass die jihad-Bewegungen in Nordmali, die Entwicklung von Boko Haram und von al-Shabab vor allem der Dynamik lokaler und regionaler Kontexte geschuldet ist und der regionale Kontext letztendlich auch den Erfolg bzw. Misserfolg dieser Bewegungen erklärt. Roman Loimeier erörtert in 17 Argumenten die sozialen Grundlagen des Jihad.

Marcel Jökale: Politisierung ideologischer Konzepte durch neo-salafistische Ideologen

Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 und vermehrt seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien steht vor allem der jihadistische Teil des Neo-Salafismus im Fokus von Wissenschaft und Politik. Diesem werden Gruppen wie al-Qaida, IS und weitere islamistische Gruppen, aber auch Einzelpersonen mit großem Einfluss auf Denken und Handeln der Jihadisten zugerechnet. Marcel Jökale untersucht die Politisierung theologischer Konzepte durch neo-salafistische Ideologen am Beispiel der Schriften von Abu Muhammad al-Maqdisi und Aiman az-Zawahiri.

Angelika Neuwirth im Gespräch mit Michael Köhler: Rechtfertigt der Koran Terror?

Ja, der Koran enthalte Passagen, die zu Gewalt „gegen Ungläubige“ aufrufen, sagte die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth im Deutschlandfunk. Doch die gebe es auch in der Bibel. Und die Gewalt-Verse erfreuten sich im Islam „eigentlich keiner besonderen Beliebtheit, außer bei diesen törichten Extremisten“.

Jeremy Scahill: Bremers „Order 1/Order 2“ und die Geburt des Terrors

Das neue Paradigma der amerikanischen Kriegsführung: Spezialkräfte führen tausende von Einsätze durch, die deklariert werden als Krieg gegen den Terror und weitgehend im Dunkeln durchgeführt werden, d.h. sie kommen nie ans Licht der Öffentlichkeit. Jeremy Scahill nennt das ein erschreckendes Bild einer geheimen US-Mordmaschinerie, die mächtiger geworden ist als jeder Präsident, der ins Weiße Haus einzieht.“

Jens Wernicke im Gespräch mit Jens Wagner: Projekt Body Count

Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit: Es wird gelogen, verfälscht, verleumdet, stigmatisiert. Der Gegner wird dämonisiert, die eigenen Taten dagegen werden als „Verteidigung“ und Heldenhaftigkeit in Szene gesetzt. Eigene Gräuel und Kriegsverbrechen werden geleugnet und bagatellisiert. Dieses Allgemeingut der Kriegsgegner belegte nun einmal mehr eine anlässlich des 12. Jahrestages des „Krieges gegen den Terror“ vorgestellte Studie der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die Studie ergab: Die tatsächliche Zahl an Todesopfern, die der „Krieg gegen den Terror“ bereits kostete, ist fast 10-mal so wie bisher bekannt. Für die US-amerikanische IPPNW-Sektion unterstreichen die Ergebnisse dabei einmal mehr ein Ausmaß vom Westen gemachter Zerstörung, das weltweit Hass schüre, liefere überdies den Kontext, um den Aufstieg brutaler Kräfte wie beispielsweise des IS zu verstehen, die als Folge der US-Politik immer weiter gediehen. Jens Wernicke sprach mit Jens Wagner, dem Koordinator des Projekts.

Werner Ruf:

Im Jahre fünf nach den arabischen Revolten sieht die arabische Welt erschreckend aus: Staaten wie Irak und Libyen sind zerfallen, Jemen und Syrien und vielleicht auch Libanon auf dem Weg dahin. Eine nicht mehr überschaubare Zahl von Banden, die sich auf die Religion berufen, verbreiten Angst und Schrecken – bis in die Kanzleien des Westens. Die USA stehen nicht mehr an der vordersten Front der kaum mehr zählbaren bewaffneten Konflikte, die die Region wie ein Flächenbrand überziehen. Unmittelbar nach dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali hatte Washington die Arabellion enthusiastisch begrüßt: „Der Wandel ist notwendig. Wir ermutigen diesen Wechsel, und wir wollen einen friedlichen Wandel“, so Philip Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums (Interview mit der algerischen Tageszeitung Liberté, 19.2.2011). Fortan setzten sie auf die Muslimbrüder als neuen stabilisierenden Faktor.

Judit Kuschnitzki: Politischer Salafismus im Jemen

In der Wissenschaft und zunehmend auch in  Politik und  Medien, werden Salafis gemeinhin quietistischen, politischen und jihadistischen Strömungen zugeordnet. Im Jemen galt der Salafismus lange Zeit als quietistisch: Seine Hauptakteure hielten sich weitgehend aus weltlichen und politischen Fragen raus, um sich den religiösen Studien und der Verbreitung ihrer Lehre zu widmen. Obwohl sich Salafis im Jemen häufig auf Gelehrte der Vergangenheit berufen,  werden die Anfänge des modernen Salafismus im Jemen weithin auf die frühen 1980er zurückgeführt.

Matin Baraki: IS auch am Hindukush

Die islamistische Organisation „Dahesch“, wie die Afghanen sie nennen, Islamischer Staat (IS), die etwa Mitte Dezember 2014 zum ersten Mal in der afghanischen Nordprovinz Faryab aufgetaucht ist, hat sich inzwischen auch in den Provinzen Ghasni, Helmand, Farah, Qandahar und Parwan ausgebreitet. Seit dem 22. Februar 2015 ist der IS auch in der 60 km südlich von Kabul gelegenen Provinz Logar aktiv. Dort haben sie einen Laden, in dem TV-Geräte verkauft wurden, überfallen und alle Apparate zerstört. Die Aktivitäten des IS, schon fast vor den Toren Kabuls, werden von politischen Beobachtern in Kabul als Warnsignal bewertet, meldete Tolo-TV am selben Tag in den Abendnachrichten. Am 12. März 2015 berichteten afghanische TV-Sender, dass eine Splittergruppe der Taliban sich dem IS angeschlossen und demonstrativ die schwarze Flagge des IS gehisst hätte.

Lesen Sie die vollständigen Beiträge in inamo 82

«Jihadismus, Salafismus, Terrorismus»

«Jihadismus, Salafismus, Terrorismus»

Die Beiträge im allgemeinen Teil von Heft 82

Sascha Radl: Die Politische Ökonomie des tunesischen Transformationsprozesses

Oft werden die arabischen Aufstände 2010/11 mit dem Streben nach Freiheit und ‚westlicher‘ Demokratie gleichgesetzt. Dieser Interpretationsansatz erreichte mit Ökonomen wie Hernando de Soto und seiner Annahme, dass Mohamed Bouazizi sich eigentlich für eine freie  Marktwirtschaft aufopferte, seinen Höhepunkt. Doch ist die Sichtweise grundsätzlich falsch. Zwar war politische ‚Freiheit‘ eine wichtige Forderung, ‚Würde‘ definierte sich aber vor allem über soziale Gerechtigkeit, d.h. Arbeitsplätze, eine faire Entlohnung, das Überwinden von Korruption und Nepotismus, Maßnahmen gegen das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Arbeitslosigkeit, Hunger und die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger sind dagegen das Ergebnis der neoliberalen Programme, welche die EU und Weltbank in den arabischen Staaten seit den 1980er Jahren umsetzten. Dies soll am Beispiel Tunesien gezeigt werden.

Lev Grinberg: Wahlen 2015: Im Schatten der Kugeln, die Israels Linke töteten

Nach Lev Grinberg gibt es seit der Ermordung von Yitzhak Rabin keine politischen Blöcke mehr, die ideologische Blockbildung hat sich aufgelöst. Weder linke noch rechte Blöcke, nur Kombinationen, die das politische Überleben sichern sollten. Für Grinberg waren es die sogenannten linken und rechten Blöcke, die für die wichtigsten Veränderungen in der israelischen Politik sorgten. Deshalb sind auch jetzt nach den Wahlen keine Veränderungen zu erwarten. Denn, ein linker Block ließe sich eh nur mit Einbeziehung der arabischen Parteien bilden, der Gemeinsamen Arabischen Liste, doch dies ist schwer vorstellbar. „Ein solcher Schritt“, so Lev Grinberg, könnte eine wirkliche soziale, ökonomische und politische Wende bringen. „Aber dafür reicht eine Knesset-Mehrheit nicht aus“.

Bassam Haddad: Nach vier Jahren – keine einfachen Antworten in Syrien

Auch nach vier Jahren des Tötens und des Chaos gibt es in Syrien keine Aussicht auf ein Ende des Konflikts. Nach Auffassung von Bassam Haddad ist, was „als natürliche fortschrittlich-demokratische Lösung erscheinen mag, nicht nur wirklichkeitsfremd, sondern geht auch einher mit halbgaren Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Entwicklung, internationalen Beziehungen und sogar von menschlicher Würde (so umstritten einige dieser Begriffe auch sein mögen)“. Keines der relevanten Lager, auch kein politischer Akteur, wäre annäherungsweise „sauber“. Für ihn ist kein Lager vor Fehlern gefeit, nicht einmal vor verachtenswertem Verhalten; „mit Ausnahme von jenen Gruppen, auf die diese harsche Einschätzung der Realität nicht zutrifft – die heroischen syrischen Männer und Frauen, die Tag für Tag das Leben jenseits von Militarismus, Gewalt und blinder Parteinahme in Gang halten.“ Sie würden oft marginalisiert und vergessen werden, während sie doch die Überbleibsel ihres Landes bewahren.

Roman Deckert und Julia Joerin: Citizen Zielony: Sudan bei der Venedig Biennale 2015

Der Sudan ist zwar nicht offiziell auf dem prestigeträchtigsten Kunstfestival der Welt vertreten. Doch dafür ist eine gesamte Position des Deutschen Pavillons nach einer Khartumer Tageszeitung benannt.

Manfred Kriener: Die Wüste lebt

Der erstaunliche Solarboom nach dem Ende der Desertec-Träume.

Jörg Tiedjen: Tiefpunkt einer Ära. Der Mord an Omar Benjelloun

Es war am 18. Dezember 1975 an der Rue Camille Desmoulins, einer Verkehrsader und Geschäftsstraße in Casablancas zentralem Stadtteil Maârif. Omar Benjelloun, einer der Führer der Sozialistischen Union der Volkskräfte (USFP), verließ seine Wohnung Hausnummer 91, um zu seinem weißen R16 zu gehen. Bevor er den Wagen erreichte, sprachen ihn zwei Männer an, als wollten sie nach dem Weg fragen. Doch was als nach außen harmlos wirkender Wortwechsel begann, endete jäh im „abstoßendsten und barbarischsten politischen Mord der gesamten Ära Hassan II“, wie das marokkanische Magazin Tel Quel urteilte: Plötzlich zückten die beiden ein Messer und andere Gegenstände wie einen Schraubenzieher und eine Handkurbel. Die Hiebe, Stiche und Schläge trafen Benjelloun an der Brust, im Rücken, am Kopf. Er ging zu Boden und starb in einer Lache von Blut.

Muhammad al-Maghut (1934-2006) – Gedichte, die glühen wie die erste Liebe

Gedicht: Römische Amphitheater („Denn die Heimat liegt im Sterben“)

übersetzt von Douraid Rahhal und Barbara Winckler

Gastkommentar und Rezensionen in inamo 82

«Jihadismus, Salafismus, Terrorismus»

Alex Goldau kommentiert »Deutsche Realpolitik und die Westsahara«, Rezensionen aktueller Bücher von Katajun Amirpur, Thorsten Gerald Schneiders und Petra Wild sowie Irit Neidhardts Besprechungen der Filme von Hany Abu Assad und Rani Masalha.

INAMO

Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten e.V.

Während des Zweiten Golfkriegs 1991 waren durch das Nachrichtenmonopol des amerikanischen Militärs die Massenmedien fast gleichgeschaltet und lieferten ein oft bis zur Karikatur verzerrtes Bild über den Nahen und Mittleren Osten. Diese Erfahrung veranlasste uns, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und Erlangen, eine Zeitschrift herauszugeben, die abseits aller Klischees über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur der Region berichten sollte.

1994 wurde der Verein Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten – abgekürzt INAMO – als Träger des Zeitschriftenprojekts gegründet. Anfang 1995 erschien das erste Heft. INAMO war damit die erste von Regionalfachleuten, aber nicht nur für Fachleute konzipierte Zeitschrift, die ein interessiertes Publikum mit Analysen, Reportagen, Berichten und Interviews kompetent über die Hintergründe dessen informiert, was in der Region des Nahen und Mittleren Ostens geschieht.

Mehr als 500 Autorinnen und Autoren schrieben bislang für INAMO, darunter viele international renommierte Wissenschaftler, Publizisten und Journalisten aus Deutschland, Europa, den USA und vor allem aus der Region selbst.

INAMO fühlt sich ausschließlich dem Prinzip der Humanität und dem Gedanken der Menschenrechte verpflichtet und keinen bestimmten politischen oder ideologischen Strömungen. INAMO ist politisch und wirtschaftlich unabhängig; die gesamte Arbeit wird ehrenamtlich geleistet.

Zu den Lesern zählen neben Fachwissenschaftlern und Journalisten auch immer mehr interessierte Laien; daneben gehören auch zahlreiche NGOs, die im Bereich Menschenrechte Asyl und EZ arbeiten, sowie Institute und Bibliotheken zu den Abonnenten.

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