Heft 80, Der 1. Weltkrieg und der Nahe Osten, Teil II

Heft Nr. 80

Der 1. Weltkrieg und der Nahe Osten (Teil II)

Jahrgang 20, Winter 2014,
78 Seiten
22. Dezember
 2014

Bestellung

 

 

inamo Heft Nr. 80, Winter 2014, Jahrgang 20

Der 1. Weltkrieg und der Nahe Osten (Teil II)

 

Gastkommentar:

Tunesien hat gewählt

Von Werner Ruf

Schwerpunktthema

Der totale Krieg und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Neugestaltung

Von Touraj Atabaki und Kaveh Ehsani

Nach Meinung Karl Polanyis (The Great Transformation, 2001) stellte der Erste Weltkrieg den Schlusspunkt des „hundertjährigen Friedens“ dar, der den Großteil des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet hatte, und markierte den Zusammenbruch des um Hochfinanz herum aufgebauten internationalen Systems. Ost- und Westasien, Europa sowie Nordafrika gingen aus dem Massaker auf jeden Fall als transformierte Regionen hervor. Die Veränderungen in Großbritannien waren das Resultat mehrerer Faktoren: Dem Krieg selbst, der den ersten Fall des totalen Krieges darstellte und ganze Völker sowie neue technische Vernichtungswaffen umfasste. Zweitens der wachsenden Kapitalismuskrise (insbesondere nach den 1890ern) und des Übergangs zu einem neuen Akkumulationsregime. Und drittens der weitreichenden und etwas langsameren Konsequenzen der sogenannten „zweiten industriellen Revolution“.

 

Das Deutsche Reich und Persien: Hoffnungen, (Miss-) Erfolge und Legenden

Von Oliver Bast

November 1915 – ganz Europa ist Kriegsschauplatz: Die Mittelmächte sind dabei, die Eroberung Serbiens abzuschließen, an der Ostfront weichen die Russen nahezu auf ganzer Linie zurück, während an der Westfront Marschall Joffres Herbstoffensive nicht dazu führt, den festgefahrenen Frontverlauf entscheidend aufzubrechen. Ebenso statisch ist zur selben Zeit die Situation an den Dardanellen, wo es den angelandeten Expeditionstruppen der Entente schlichtweg nicht gelingen will, die vom Terrain begünstigte, geschickt geleitete, und von kampferprobten, schlagkräftigen Einheiten der osmanischen Armee durchgeführte Verteidigung der Gallipoli-Halbinsel zu überwinden. Zeitgleich kommt es im offiziell gar nicht am Kriege beteiligten Persien zur explosionsartigen Entladung einer extrem spannungsreichen Situation, die sich immer mehr verschärft. Die Unterzeichnung eines formalen Bündnisvertrages zwischen Persien und dem Deutschen Reich wird in jenen Novembertagen nahezu stündlich erwartetet.

 

Afghanistan im Rahmen der Geostrategie Deutschlands

Von Matin Baraki

Deutschland sollte zur Weltmacht aufsteigen, das war das erklärte Ziel seiner herrschenden Klasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu war es erforderlich, das britische Imperium zu Fall zu bringen, und deshalb wurde Afghanistan fester Bestandteil der militärischen Strategie Deutschlands. Afghanistan war das Mittel, das Herz des britischen Imperiums (Indien) zu treffen, das auf dem Landwege nur durch afghanisches Territorium zu erreichen war. “Kaum minder aussichtsreich und gar nicht mehr so entfernt wie man glaubt,” so urteilten damals die deutschen Beobachter Albrecht Wirth und Emil Zimmermann („Was muss Deutschland an Kolonien haben?, Frankfurt/M.1918), “ist die Zukunft unserer Beziehungen mit Afghanistan. Kabul aber, die Residenz des afghanischen Emirs, liegt vor dem Kaiberpasse, dem Tore Indiens! Das waren die Triebkräfte der Afghanistanpolitik der deutschen Imperialmacht während des Ersten Weltkrieges. 

 

Muslimische Kriegsgefangene im Halbmond- und Weinberglager: Für den Heiligen Krieg?

Von Gerhard Höpp

Schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn, aber noch Monate vor dem Eintritt des Osmanischen Reiches in den Krieg hatten der deutsche Botschafter bei der Pforte, Hans von Wangenheim, sowie sein Konsul Philipp Vassel, dem Auswärtigen Amt vorgeschlagen, die in deutsche Gefangenschaft geratenen „Mohammedaner besonders rücksichtsvoll zu behandeln, namentlich bei Verpflegung auf Religionsvorschriften zu achten und ihnen Gelegenheit zur Erfüllung der Religionspflicht zu geben. Schließlich hatte man mit ihnen noch einiges vor.

 

Afghanen in des Kaisers Jihad

Von Thomas Ruttig

Während die Rolle nichteuropäischer Soldaten im 1. Weltkrieg zunehmend besser erforscht wird, ist kaum bekannt, dass auch Afghanen sowie Paschtunen aus Britisch-Indien im Rahmen des Britisch-Indischen Expeditionskorps auf den Schlachtfeldern Europas kämpften. Einige von ihnen endeten als Kriegsgefangene oder Überläufer im Kriegsgefangenenlager von Zehrensdorf bei Berlin. Unter den auf dem dortigen Soldatenfriedhof Begrabenen befinden sich drei Soldaten, deren Herkunft als „Trans Frontier“ angegeben wird und bei denen es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Afghanen handelt. Einige Afridi-Paschtunen schlossen sich offenbar aus antibritischen Motiven der deutschen Hentig/Niedermayer-Mission an, die 1916 versuchte, den afghanischen König zum Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte zu bewegen. Andere blieben in Deutschland zurück, wo sich ihre Spuren nach der Novemberrevolution 1918 verlieren.

 

Das Unvorstellbare erinnern.

Zum 100. Jahrestag des Genozids an den Armeniern

Von Barbara Eder

Am 24. April 2015 jährt sich der historische Gedenktag des von Vertretern der jung-türkischen Bewegung von 1915-1916 an den Armenier/innen in Türkisch-Armenien verübten Genozids zum 100. Mal. Durch Interventionen Deutschlands, Österreich-Ungarns und der USA hätte dieser Völkermord – ähnlich wie die zeitgleich stattfindenden, antisemitisch motivierten Deportationen in Palästina – verhindert werden können; infolge einer fortgesetzten Politik kolonialer Interessen wurde dies von den im 1. Weltkrieg mit der Türkei verbündeten Mittelmächten jedoch nicht in Erwägung gezogen. Vor Ort erhält man nochmals einen anderen Blick auf Aghet, die große Katastrophe: Im Armenian Genocide Museum wird die Leidensgeschichte einer „geschändeten Nation“ hagiografisch inszeniert und der Genozid unter anderem auch zur Legitimation für den erstarkenden Nationalismus im „christlichsten Land der Welt“ herangezogen.

 

Tropfen im Meer der Revolution: Mirsaid Sultan-Galiew

Von Jörg Tiedjen

 Die Revolutionen vom Februar und Oktober 1917 und das Abkommen von Brest-Litowsk von März 1918 brachten Russland keinen Frieden. Im Gegenteil folgten Jahre eines der grausamsten und verlustreichsten Bürgerkriege überhaupt, angeheizt auch durch Interventionen der früheren Verbündeten. Im Kampf um ihr Überleben versuchte die Führung der neu gegründeten Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), die Muslime des früheren Zarenreichs für sich zu gewinnen. Mit dieser Aufgabe betraut wurde der tatarische Intellektuelle und Aktivist Mirsaid Sultan-Galiew. Er trug nicht nur entscheidend zum Sieg im Bürgerkrieg bei. Mehr noch entwarf er die Vision einer Verbindung von Islam und Kommunismus, die dem Imperialismus des Westens den Boden entziehen sollte. Damit aber stellte Galiew den Führungsanspruch der russischen Kommunisten in Frage und wurde schließlich als nationalistischer Abweichler liquidiert. 

 

Exilpolitik, Global Sounds und Tropenmedizin: deutsch-arabische Kooperation und der  1. Weltkrieg

Von Irit Neidhardt

Diesen Sommer jährte sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Zum ersten Mal werden in der Mitte der deutschen Geschichtsschreibung auch Kriegsgebiete außerhalb (West-)Europas mit in den Blick genommen. Die leise Öffnung des eurozentrischen Blicks fordert eingefahrene historische Narrative heraus. Gleichzeitig versperren nationalistische Historiographien in den europäischen sowie den relativ neuen Nationalstaaten der ehemaligen Kolonien, Protektorate und Mandatsgebiete die Sicht auf Wirren, Zwietracht, Pragmatismus, Lebendigkeit und Widersprüche von politischen und historischen Übergangsphasen. Biographien von Menschen im Exil sowie denjenigen, die unter ausländischem Schutz standen, weisen bis heute in der Heimat und in der Fremde Lücken auf, die zu historischen Ungereimtheiten führen. An Beispielen aus Berlin und Jerusalem zeichnet Irit Neidhardt Aspekte arabisch-deutscher Geschichte nach.

 

Israel/Palästina

Charakteristiken und Dynamik des zionistischen Siedlerkolonialismus in Palästina

Von Petra Wild

Die Betrachtung des Zionismus als koloniales Phänomen ist fast eben so alt wie der Zionismus selbst. Die ägyptische Kommunistische Partei legte bereits 1922 eine entsprechende Analyse vor und in den 1970er Jahren präzisierten arabische Wissenschaftler die Analyse dahingehend, dass sie den Zionismus als Siedlerkolonialismus bezeichneten.

Westsahara

Am Ende der Geduld

Interview mit Zein Mohamed Sidahmed, Generalsekretär der UJSARIO

Anfang Juli war der neu gewählte Generalsekretär der UJSARIO, Zein Mohamed Sidahmed, zu seiner ersten Rundreise in die EU aufgebrochen. Erste Station seiner Reise war Deutschland, wo er in Berlin, Osnabrück und Bremen mit Unterstützergruppen zusammentraf. Ziel seiner Reise war es, eindringlich auf die Perspektivlosigkeit der der saharauischen Jugend sowohl in den algerischen Flüchtlingslagern als auch in den von Marokko besetzten Teilen der Westsahara hinzuweisen: Erstere von der Weltöffentlichkeit völlig ignoriert in den Lagern zur Untätigkeit verdammt, letztere der Marginalisierung bis zur schlimmsten Repression marokkanischer Willkür ausgesetzt. Vor allem marokkanische Propaganda versucht zunehmend die saharauischen Jugend aufgrund der vor allem von Marokko verursachten Perspektivlosigkeit in die Nähe des internationalen Terrorismus zu rücken – wie sie es bereits Jahre zuvor mit den Frente Polisario immer wieder versucht hat.

 

Debatte

FEMEN und Postkolonialismus - Come out, Go topless and Win!

Von Zuher Jazmati

Als sich im November 2011 die ägyptische Kunststudierende Aliya Al-Mahdy selbst nackt fotografierte, um über Missstände gegen Frauen in der ägyptischen Gesellschaft aufmerksam zu machen und das Bild auf ihrem Blog hochlud, entfachte dies eine immense Diskussion darüber, ob eine solche Form des Protestes für ägyptische Verhältnisse angemessen sei oder nicht. Zuher Jazmati geht der Frage nach inwieweit die Aktionen FEMENs als postkolonial eingestuft werden können. 

Tunesien - Rap

Vor-revolutionäre Klänge in Tunesien: Ein Bendir Man singt im Bendirland

Von Yasmina Hedider

Lange Jahre war es in Tunesien undenkbar, die politische, soziale oder wirtschaftliche Situation im Land zu kritisieren bzw. die Ben-Ali-Diktatur, die sich 23 Jahre lang halten konnte, in Frage zu stellen. Der damals 29-jährige Künstler Bayram Kilani alias „Bendir Man“ sprach laut aus, was viele Tunesier insgeheim dachten und nicht auszusprechen wagten.  Nach der Revolution ist sein satirischer Ton ist derselbe geblieben.

 

Sudan

Bashir forever!

Von Roman Deckert und Tobias Simon

 

Ökonomiekommentar

Gibt es einen Zusammhang zwischen Erdbeben und Fracking?

Von Emily Atkin

 

Zeitensprung

Warum Gallipoli für Australier immer noch von Bedeutung ist

Von Joan Beaumont

 

Ex Mediis

Yakov Rabkin: Comprendre l´état d´Israel: Idéologie, religion et société (Ludwig Watzal)

Max Blumenthal: Goliath – Life and Loathing in Greater Israel (Joel Schalit)

Rudolf A. Mark: Krieg an fernen Fronten – die Deutschen in Russisch-Turkestan und am Hindukusch 1914-1924 (Matin Baraki)

 

Nachrichten/Ticker