Heft 82, Jihadismus, Salafismus, Terrorismus

Heft Nr. 82

Jihadismus, Salafismus, Terrorismus

Jahrgang 21, Sommer 2015,
78 Seiten
28. Juli
 2015

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inamo Nr.  82, Sommer 2015, 21. Jahrgang 

 

Gastkommentar

Deutsche Realpolitik und die Westsahara

Von Axel Goldau

 

Jihadismus, Salafismus, Terrorismus 

Salafismus als Jugendsubkultur? Suche nach Sinn und Identität

Von Imad Mustafa

Schaut man heute in die Auslagen der Buchhändler, dann wird man mit einer wahren Flut von Publikationen, Berichten und Titelstories zum Salafismus, Jihadismus oder dem sogenannten Islamischen Staat (IS) konfrontiert. Verlage, Zeitungen, Think Tanks und Universitäten scheinen sich in der Anzahl der Veröffentlichungen geradezu übertrumpfen zu wollen, so als ginge es hier um einen Wettbewerb. Neben der publizistischen Kooperation von Sicherheitsbehörden und Wissenschaft, steht die neuere These vom Salafismus als „radikaler Jugendsubkultur“ im Mittelpunkt dieser Entwicklung. 

 

Soziale Basis: Boko Haram, al-Shabab, und Nordmali im Vergleich

Von Roman Loimeier

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich in einigen Regionen des subsaharischen Afrika lokale jihad-Bewegungen entwickelt, die in der öffentlichen Berichterstattung häufig als Teil einer terroristischen Internationale gesehen werden. Aus der Außenperspektive könnte man zudem vermuten, dass die Entwicklung jihad-gesinnter Bewegungen im subsaharischen Afrika mit den Anschlägen vom 11. September 2001 verbunden ist. Die genauere Analyse zeigt jedoch, dass die jihad-Bewegungen in Nordmali, die Entwicklung von Boko Haram und von al-Shabab vor allem der Dynamik lokaler und regionaler Kontexte geschuldet ist und der regionale Kontext letztendlich auch den Erfolg bzw. Misserfolg dieser Bewegungen erklärt. Roman Loimeier erörtert in 17 Argumenten die sozialen Grundlagen des Jihad.

 

Politisierung ideologischer Konzepte durch neo-salafistische Ideologen

Von Marcel Jökale

Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 und vermehrt seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien steht vor allem der jihadistische Teil des Neo-Salafismus im Fokus von Wissenschaft und Politik. Diesem werden Gruppen wie al-Qaida, IS und weitere islamistische Gruppen, aber auch Einzelpersonen mit großem Einfluss auf Denken und Handeln der Jihadisten zugerechnet. Marcel Jökale untersucht die Politisierung theologischer Konzepte durch neo-salafistische Ideologen am Beispiel der Schriften von Abu Muhammad al-Maqdisi und Aiman az-Zawahiri.

  

Rechtfertigt der Koran Terror?

Angelika Neuwirth im Gespräch mit Michael Köhler

Ja, der Koran enthalte Passagen, die zu Gewalt "gegen Ungläubige" aufrufen, sagte die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth im Deutschlandfunk. Doch die gebe es auch in der Bibel. Und die Gewalt-Verse erfreuten sich im Islam "eigentlich keiner besonderen Beliebtheit, außer bei diesen törichten Extremisten". 

 

Bremers „order 1/order 2“ und die Geburt des Terrors

Von Jeremy Scahill

Das neue Paradigma der amerikanischen Kriegsführung: Spezialkräfte führen tausende von Einsätze durch, die deklariert werden als Krieg gegen den Terror und weitgehend im Dunkeln durchgeführt werden, d.h. sie kommen nie ans Licht der Öffentlichkeit. Jeremy Scahill nennt das ein erschreckendes Bild einer geheimen US-Mordmaschinerie, die mächtiger geworden ist als jeder Präsident, der ins Weiße Haus einzieht.“

 

Projekt Body Count – Krieg gegen den Terror  Weit über 1 Mio. Opfer

Jens Wernicke im Gespräch mit Jens Wagner (u.a. IPPNW)

Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit: Es wird gelogen, verfälscht, verleumdet, stigmatisiert. Der Gegner wird dämonisiert, die eigenen Taten dagegen werden als „Verteidigung“ und Heldenhaftigkeit in Szene gesetzt. Eigene Gräuel und Kriegsverbrechen werden geleugnet und bagatellisiert. Dieses Allgemeingut der Kriegsgegner belegte nun einmal mehr eine anlässlich des 12. Jahrestages des „Krieges gegen den Terror“ vorgestellte Studie der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die Studie ergab: Die tatsächliche Zahl an Todesopfern, die der „Krieg gegen den Terror“ bereits kostete, ist fast 10-mal so wie bisher bekannt. Für die US-amerikanische IPPNW-Sektion unterstreichen die Ergebnisse dabei einmal mehr ein Ausmaß vom Westen gemachter Zerstörung, das weltweit Hass schüre, liefere überdies den Kontext, um den Aufstieg brutaler Kräfte wie beispielsweise des IS zu verstehen, die als Folge der US-Politik immer weiter gediehen. Jens Wernicke sprach mit Jens Wagner, dem Koordinator des Projekts.

 

Nahost im 21. Jahrhundert: Kampf der Religionen?

Von Werner Ruf 

Im Jahre fünf nach den arabischen Revolten sieht die arabische Welt erschreckend aus: Staaten wie Irak und Libyen sind zerfallen, Jemen und Syrien und vielleicht auch Libanon auf dem Weg dahin. Eine nicht mehr überschaubare Zahl von Banden, die sich auf die Religion berufen, verbreiten Angst und Schrecken – bis in die Kanzleien des Westens. Die USA stehen nicht mehr an der vordersten Front der kaum mehr zählbaren bewaffneten Konflikte, die die Region wie ein Flächenbrand überziehen. Unmittelbar nach dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali hatte Washington die Arabellion enthusiastisch begrüßt: „Der Wandel ist notwendig. Wir ermutigen diesen Wechsel, und wir wollen einen friedlichen Wandel“, so Philip Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums (Interview mit der algerischen Tageszeitung Liberté, 19.2.2011). Fortan setzten sie auf die Muslimbrüder als neuen stabilisierenden Faktor.

 

Politischer Salafismus im Jemen – Die Al-Rashad Partei zwischen Quietisten, Jihadisten und Muslimbrüdern

Von Judit Kuschnitzki

In der Wissenschaft und zunehmend auch in  Politik und  Medien, werden Salafis gemeinhin quietistischen, politischen und jihadistischen Strömungen zugeordnet. Im Jemen galt der Salafismus lange Zeit als quietistisch: Seine Hauptakteure hielten sich weitgehend aus weltlichen und politischen Fragen raus, um sich den religiösen Studien und der Verbreitung ihrer Lehre zu widmen. Obwohl sich Salafis im Jemen häufig auf Gelehrte der Vergangenheit berufen,  werden die Anfänge des modernen Salafismus im Jemen weithin auf die frühen 1980er zurückgeführt.  

 

IS auch am Hindukush – Afghanistan im Frühjahr 2015

Von Matin Baraki

Die islamistische Organisation „Dahesch“, wie die Afghanen sie nennen, Islamischer Staat (IS), die etwa Mitte Dezember 2014 zum ersten Mal in der afghanischen Nordprovinz Faryab aufgetaucht ist, hat sich inzwischen auch in den Provinzen Ghasni, Helmand, Farah, Qandahar und Parwan ausgebreitet. Seit dem 22. Februar 2015 ist der IS auch in der 60 km südlich von Kabul gelegenen Provinz Logar aktiv. Dort haben sie einen Laden, in dem TV-Geräte verkauft wurden, überfallen und alle Apparate zerstört. Die Aktivitäten des IS, schon fast vor den Toren Kabuls, werden von politischen Beobachtern in Kabul als Warnsignal bewertet, meldete Tolo-TV am selben Tag in den Abendnachrichten. Am 12. März 2015 berichteten afghanische TV-Sender, dass eine Splittergruppe der Taliban sich dem IS angeschlossen und demonstrativ die schwarze Flagge des IS gehisst hätte.

 

TUNESIEN 

Die Politische Ökonomie des tunesischen Transformationsprozesses 

Von Sascha Radl 

Oft werden die arabischen Aufstände 2010/11 mit dem Streben nach Freiheit und ‚westlicher‘ Demokratie gleichgesetzt. Dieser Interpretationsansatz erreichte mit Ökonomen wie Hernando de Soto und seiner Annahme, dass Mohamed Bouazizi sich eigentlich für eine freie  Marktwirtschaft aufopferte, seinen Höhepunkt. Doch ist die Sichtweise grundsätzlich falsch. Zwar war politische ‚Freiheit‘ eine wichtige Forderung, ‚Würde‘ definierte sich aber vor allem über soziale Gerechtigkeit, d.h. Arbeitsplätze, eine faire Entlohnung, das Überwinden von Korruption und Nepotismus, Maßnahmen gegen das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Arbeitslosigkeit, Hunger und die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger sind dagegen das Ergebnis der neoliberalen Programme, welche die EU und Weltbank in den arabischen Staaten seit den 1980er Jahren umsetzten. Dies soll am Beispiel Tunesien gezeigt werden.

 

ISRAEL/PALÄSTINA

Wahlen 2015: Im Schatten der Kugeln, die Israels Linke töteten

Von Lev Grinberg

Nach Lev Grinberg gibt es seit der Ermordung von Yitzhak Rabin keine politischen Blöcke mehr, die ideologische Blockbildung hat sich aufgelöst. Weder linke noch rechte Blöcke, nur Kombinationen, die das politische Überleben sichern sollten. Für Grinberg waren es die sogenannten linken und rechten Blöcke, die für die wichtigsten Veränderungen in der israelischen Politik sorgten. Deshalb sind auch jetzt nach den Wahlen keine Veränderungen zu erwarten. Denn, ein linker Block ließe sich eh nur mit Einbeziehung der arabischen Parteien bilden, der Gemeinsamen Arabischen Liste, doch dies ist schwer vorstellbar. „Ein solcher Schritt“, so Lev Grinberg, könnte eine wirkliche soziale, ökonomische und politische Wende bringen. „Aber dafür reicht eine Knesset-Mehrheit nicht aus“.

 

Syrien 

Nach vier Jahren – keine einfachen Antworten in Syrien

Von Bassam Haddad

Auch nach vier Jahren des Tötens und des Chaos gibt es in Syrien keine Aussicht auf ein Ende des Konflikts. Nach Auffassung von Bassam Haddad ist, was „als natürliche fortschrittlich-demokratische Lösung erscheinen mag, nicht nur wirklichkeitsfremd, sondern geht auch einher mit halbgaren Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Entwicklung, internationalen Beziehungen und sogar von menschlicher Würde (so umstritten einige dieser Begriffe auch sein mögen)“. Keines der relevanten Lager, auch kein politischer Akteur, wäre annäherungsweise „sauber“. Für ihn ist kein Lager vor Fehlern gefeit, nicht einmal vor verachtenswertem Verhalten; „mit Ausnahme von jenen Gruppen, auf die diese harsche Einschätzung der Realität nicht zutrifft – die heroischen syrischen Männer und Frauen, die Tag für Tag das Leben jenseits von Militarismus, Gewalt und blinder Parteinahme in Gang halten.“ Sie würden oft marginalisiert und vergessen werden, während sie doch die Überbleibsel ihres Landes bewahren.

 

 

SUDAN/SÜDSUDAN

Citizen Zielony: Sudan bei der Venedig Biennale 2015

Von Roman Deckert und Julia Joerin

Der Sudan ist zwar nicht offiziell auf dem prestigeträchtigsten Kunstfestival der Welt vertreten. Doch dafür ist eine gesamte Position des Deutschen Pavillons nach einer Khartumer Tageszeitung benannt.

 

 

Ökonomiekommentar

Die Wüste lebt, Der erstaunliche Solarboom nach dem Ende der Desertec-Träume

Von Manfred Kriener

  

Zeitensprung

Tiefpunkt einer Ära. Der Mord an Omar Benjelloun

Von Jörg Tiedjen

Es war am 18. Dezember 1975 an der Rue Camille Desmoulins, einer Verkehrsader und Geschäftsstraße in Casablancas zentralem Stadtteil Maârif. Omar Benjelloun, einer der Führer der Sozialistischen Union der Volkskräfte (USFP), verließ seine Wohnung Hausnummer 91, um zu seinem weißen R16 zu gehen. Bevor er den Wagen erreichte, sprachen ihn zwei Männer an, als wollten sie nach dem Weg fragen. Doch was als nach außen harmlos wirkender Wortwechsel begann, endete jäh im "abstoßendsten und barbarischsten politischen Mord der gesamten Ära Hassan II", wie das marokkanische Magazin Tel Quel urteilte: Plötzlich zückten die beiden ein Messer und andere Gegenstände wie einen Schraubenzieher und eine Handkurbel. Die Hiebe, Stiche und Schläge trafen Benjelloun an der Brust, im Rücken, am Kopf. Er ging zu Boden und starb in einer Lache von Blut.

 

KULTUR

Muhammad al-Maghut (1934-2006) – Gedichte, die glühen wie die erste Liebe

Gedicht: Römische Amphitheater („Denn die Heimat liegt im Sterben“)

 

Ex Mediis

Filmrezension: Omar, von Hani Abu-Assad (Palästina, UAE 2013)

Katajun Amirpur: Der schiitische Islam – den Islam neu denken

Filmrezension: Giraffada, von Rani Masalha (Produktionsjahr/land 2014, Palästina, Deutschland, Italien, Frankreich)

Thorsten Gerald Schneiders (Hg) Salafismus in Deutschland Ursprünge und Gefahren einer islamistisch-fundamentalistischen Bewegung

Petra Wild, Die Krise des Zionismus und die Ein-Staat-Lösung. Zur Zukunft eines demokratischen Palästinas

 

Autoren/Autorinnen

Irit Neidhardt, Matin Baraki, Rowan El Shim´i, Irit Neidhardt und Ludwig Watzal

 

In Memoriam Mieciu Langer

Nachrichten/Ticker